Dramaturgie und Narration in der Ausstellungsarbeit. Ein Tagungsbericht.

Ausstellen heisst, Geschichten im Raum zu erzählen.“ So lud das Stapferhaus zur diesjährigen X-Positionen-Tagung mit dem Thema „Dramaturgie und Narration in der Ausstellungsarbeit“ am 27. und 28. September 2013 nach Lenzburg ein. Den Begriffen Narration und Dramaturgie von verschiedenen Blickwinkeln der Ausstellungspraxis aus gesehen fügte die Tagung dank interdisziplinärem Ansatz inhaltliches Futter aus anderen Sparten zu. Und schloss mit einem Plädoyer für mehr Vielstimmigkeit und einer Debatte über die Autorschaften in Ausstellungen.

Doch eins nach dem anderen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, eher persönlich und subjektiv, eben so, als erzähle ich nach der Lektüre eines Buches dessen Lieblingsstellen nach.

Als Ouvertüre stand der Theaterdramaturg und Autor Lukas Bärfuss auf der Bühne. Als Theatermensch Profi für Dramaturgie, als Autor Profi fürs Geschichtenerzählen versuchte er einen Blick von aussen auf die Museumswelt. „Die Geschichte beginnt automatisch im Kopf des Besuchers abzulaufen.“ und: „Es gibt immer einen Autor!“. Diese Bezüge aus dem Theater legte er auch dem Museum an – und sorgte dabei an mancher Stelle für eine gewisse Irritation: Was, diese alten Rumpelkammern, in denen sich Rüstung an Rüstung reiht, die muffig riechen und in denen Vermittlung ein Fremdwort zu sein scheint, eben die sollen als Szenerie fürs Storytelling geeignet sein? Ohne weiterer Inszenierung, mit keiner oder nur geringer Besucherführung? Die Besucher alleine gelassen mit Objekten aus vergangenen Zeiten, in Räumlichkeiten, die einer anderen Zeit zu entstammen scheinen? Hier beginnt, laut Bärfuss, das automatische Geschichtenerzählen in den Köpfen der Besucher von selbst. Objekte werden in Gedanken zusammengestellt, der Raum atmet seine Vergangenheit dazu, dämmriges Licht erleichtert den Ausflug in die Vergangenheit. Jeder Besucher ist Autor einer eigenen Erzählung. Und der Autor der Ausstellung? Es gibt doch immer jemanden, der für einzelne Geschichtsstränge, Settings oder Bilder verantwortlich ist, der dem Publikum das Lesefutter inhaltlich oder szenografisch aufbereitet hat und deshalb genannt werden sollte. Für den Theatermann gibt es keinen Grund, die eigene Autorschaft hinter der Ausstellung zu verstecken. Zwar ist einem Theaterpublikum die Fiktionalität einer Theateraufführung von Beginn an bewusst, während das Museumspublikum häufig noch auf das Serviertkriegen einer einzig richtigen Wahrheit hofft. Doch eben darum täte man gut daran, auch die Autorschaften im Museum offenzulegen.

Der Hauptteil wurde bestritten einerseits von Kuratorinnen und Kuratoren, die Einblicke gaben in ihre eigene Welt des Storytellings in Ausstellungen. Andererseits kamen Profis aus anderen Sparten zu Wort, die dem Publikum das Erzählen von Geschichten in Werbung, Musik oder GameDesign näher brachten. Eine Aneinanderreihung von Positionen und Zitaten möchte im Folgenden die Bandbreite der angesprochenen Aspekte nur angereissen.

Das Kindermuseum Frankfurt kreiert zum Beispiel Objekt-Environments, in welchen die Schüler in verschiedene Rollen schlüpfen und mit Hilfe von Requisiten zum selber Lernen durch selbst Erleben angeregt werden. Von einer Metaebene aus gesehen, plädierte Angela Janelli, ebenfalls vom Historischen Museum Frankfurt, jedoch dafür, auf Storytelling zu verzichten, wenn dadurch das Zu-Erlebende in einer Ausstellung vorgeschrieben wird. Ein Verzicht also auf rekonstruktive Inszenierungen und ein Plädoyer für eine Co-Ecriture durch das Publikum.

Das Forum Schweizer Geschichte Schwyz setzt dagegen auf Dramaturgie in Ausstellungen, um Publikum durch atmosphärische Raumbilder und thematische Leitfiguren anzulocken und gleichzeitig eine Vielschichtigkeit zu erreichen, die unterschiedliche Besuchergruppen anspricht. Eine Inszenierung aber, die stärker der Narration als der Vermittlung folgt, laufe Gefahr, den musealen Anspruch zu verfehlen.

Auch das Vorarlberg Vorarlberg erhofft sich in der Ausstellung „Römer oder so“ eine Vielschichtigkeit durch Narrationen – hier entstehen gelungene Narrationen dann, wenn Erwartungen gebrochen werden und sich eine Erzählung an Hand gesicherter Fakten entwickeln kann. Durch den Einsatz eines fiktiven Elements, in diesem Falle eines Comics, vermeidet das Haus die Vermischung von Geschichte und Geschichten.

Und zu guter Letzt die Gastgeber: Für das Stapferhaus ist die Narration das Rückgrat einer gelungenen Ausstellung. Den mündigen Besucher im Blick, wird diese jedoch nicht plakativ erzählt, sondern entsteht erst beim Besuch der Ausstellung in den Köpfen der Besucherinnen.

Es liegt wahrscheinlich im Medium Ausstellung mit seinen Aspekten Inhalt – Raum – Vermittlung selbst, dass die Themen Narration und Dramaturgie noch mit viel Spielraum angegangen wurden. Folgten die einen stärker den Ansätzen der Neuen Museologie, also der Frage nach den erzählten Geschichten selbst (Was wird eigentlich erzählt?), fokussierten die anderen stärker auf Objekt und Raum (Personalisierung und Auratisierung von Objekten, Inszenierung von Raum) oder auf die Medien, mit Hilfe derer die Geschichten erzählt werden (Comics, Interaktionen). Nicht oder kaum zu Wort kam die Sprache als ältestes Medium, mit dem Geschichten erzählt wurden, erst in Form von gesprochenem und dann in Form von geschriebenem Text. Vielleicht, weil das gesprochene oder geschriebene Wort nochmals stärker einen Autor impliziert als die Inszenierung von Inhalt im Raum?

Ein Intermezzo nahm die Zeit ins Visier, diese unberechenbare Komponente jedes Ausstellungsbesuchs: Ariane Karbe setzt sich in ihrer Promotion mit dem Thema „Spannung in Ausstellungen“ auseinander und kommt zu dem Schluss, dass ein linearer Spannungsaufbau, wie er beispielsweise in Filmen eingesetzt wird, in einer Ausstellung scheitern muss, da sich die Besucher einen eigenen Weg durch Zeit und Raum bahnen. Zwar gibt es wie im Film oder auf der Bühne auch beim Museumsbesuch immer einen Anfang und ein Ende, aber das dramaturgische Mittel des „Säens und Erntens“, das auf einer linearer Rezeption des aufgearbeiteten Stoffes gründet, stösst in einer Ausstellung an seine Grenzen. Karbe lehnte sich in ihrem Vortrag an Werner Hanak-Lettners Publikation „Die Ausstellung als Drama. Wie das Museum aus dem Theater entstand“ an, in der sich dieser explizit die Bewegung des Besuchers durch den Raum anschaut und epische resp. dramatische Qualitäten von Ausstellungen analysiert. Karbes stark literaturwissenschaftliche Zugang zum Thema ermöglichte nochmals ganz neue Interpretationen des bisher Gesagten.

Im darauffolgenden interdisziplinären Block ging hin und wieder ein Raunen durchs Publikum: Wie viel leichter haben es doch da die anderen! Die Werbung zum Beispiel: Darf sich einfach grosser Gefühle bedienen, um die Kundschaft anzusprechen, und muss sich nicht ständig dafür rechtfertigen, nicht jeden Aspekt bis ins letzte Detail berücksichtigt zu haben. Sie muss ja verkaufen, da darf die Story auch mal über das Ziel hinaus schiessen. Ebenfalls die Popmusik – es wird ja schon fast erwartet, dass grosse Gefühle geweckt werden. Dafür darf die narrative Struktur ruhig etwas einfacher bleiben. Doch schnell wurde offensichtlich: Folgen Text und Musik nicht derselben Dramaturgie, wird die Narration unglaubwürdig. Und ganz nah beim Medium Ausstellung war das Publikum plötzlich wieder beim Vortrag von Laura Alisa Schäffer zum Theater-Gamedesign von machina ex. Die Zuschauer durchlaufen das Computerspiel im realen Raum und treffen immer wieder Entscheidungen zum Fortgang der Geschichte. Wie in einer Ausstellung wird hier der Rahmen von einem Kollektiv entwickelt, die Inhalte jedoch erarbeiten sich die Besucher in der Gruppe selbst.

Da von den sechs Workshops nur drei besucht werden konnten, sind Interessierte herzlichst eingeladen, zu den Workshops zum Journalismus, zum Film und zu den Shoppingwelten einen Kommentar zu posten.

In alter Frische wurden wir am nächsten Morgen auf Schloss Lenzburg von dem sehr inspirierenden Vortrag von Hermann Kossmann von kossmann.dejong empfangen. „Natürlich braucht es Drama in einer Ausstellung!“ – „Eine Ausstellung ist das einzige Medium, in dem es möglich ist, viele verschiedene Geschichten in unterschiedlicher Komplexität gleichzeitig zu erzählen und dabei noch jedem Besucher offen zu lassen, sich seine eigene Geschichte rauszuziehen!“ Was am Tag zuvor noch als unentwirrbares Knäuel aus Fragen, Thesen und Ansätzen schien, wurde nun ganz einfach zur Lasagne erklärt: Text, Sammlung, Inhalt, Film, Sound, Szenografie, Licht und Geschichten bilden jeweils eine Lage der italienischen Spezialität, doch erst gut durchgebacken, miteinander verwoben und ineinander verschmolzen werden sie zum Gaumenschmaus. Wieso schwierig, wenn’s auch so einfach zu gehen scheint?!?

Wie die darauf folgende Diskussion zeigte, aus einem Grund, der wieder zurück in den vorherigen Tag führte: Weil es häufig immer noch schwierig zu sein scheint, die unterschiedlichen Autorschaften und Kompetenzen innerhalb eines Ausstellungsteams gleichberechtigt zusammen zu bringen und ein vielstimmiges Ausstellungsteam eine vielstimmige Ausstellung machen zu lassen. Mit einem Regisseur, der fähig ist, die unterschiedlichen Geschichten seines Teams zu einer dichten Erzählung zu verweben. Und zu unterscheiden, zwischen „the story“ and „the teller“.

In diesem Sinne: Let’s go for it – es gibt noch einiges zu tun.

P.S.: Dies waren in aller Kürze die Lieblingsstellen aus dem Buch, aus dem ich euch erzählen wollte. Aber auch dieses Buch ist nicht (nur) wegen der genannten Stellen lesenswert, sondern ebenso wegen der Rahmenhandlung, dem Bucheinband, den Lesepausen, der Papierdicke, den Illustrationen, dem Gewicht, den Diskussionen darüber, der Möglichkeit, es auszuleihen, dem freien Rand, der sich zum Beschreiben anbietet – kurz: auf Grund seiner vielen Dimensionen. Ebenso war die Tagung weit mehr als die Auflistung einiger ihrer Positionen – nochmals ein herzliches Dankeschön an das Team vom Stapferhaus für den zur Verfügung gestellten Rahmen, die herzliche Bewirtung, die inspirierenden Inputs sowie natürlich die Planung und Organisation der zwei Tage.

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