{"id":452,"date":"2013-12-23T10:50:00","date_gmt":"2013-12-23T08:50:00","guid":{"rendered":"http:\/\/zwischendrin.ch\/home\/?p=452"},"modified":"2021-10-25T17:16:28","modified_gmt":"2021-10-25T15:16:28","slug":"dramaturgie_und_narration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwischendrin.ch\/home\/blog\/dramaturgie_und_narration\/","title":{"rendered":"Tagungsbeitrag: Dramaturgie und Narration in der Ausstellungsarbeit"},"content":{"rendered":"\n<p><style type=\"text\/css\"><!--\n<span id=\"mce_marker\" data-mce-type=\"bookmark\"><\/span><span id=\"__caret\">_<\/span><!--\nA:link {  }\n--><\/style><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201e<span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\"><em>Ausstellen heisst, Geschichten im Raum zu erz\u00e4hlen.<\/em>\u201c So lud das Stapferhaus zur diesj\u00e4hrigen X-Positionen-Tagung mit dem Thema \u201e<a href=\"http:\/\/www.stapferhaus.ch\/kursereihen\/x-positionen\/2013-dramaturgie\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dramaturgie und Narration in der Ausstellungsarbeit<\/a>\u201c am 27. und 28. September 2013 nach Lenzburg ein. Den Begriffen <\/span><\/span><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\">Narration <\/span><\/span><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\">und<\/span><\/span><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\"> Dramaturgie<\/span><\/span><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\"> von verschiedenen Blickwinkeln der Ausstellungspraxis aus gesehen f\u00fcgte die Tagung dank interdisziplin\u00e4rem Ansatz inhaltliches Futter aus anderen Sparten zu. <strong>Und <\/strong>schloss mit einem Pl\u00e4doyer f\u00fcr mehr Vielstimmigkeit und einer Debatte \u00fcber die Autorschaften in Ausstellungen.<br><\/span><\/span><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\">Doch eins nach dem anderen \u2013 ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit, eher pers\u00f6nlich und subjektiv, eben so, als erz\u00e4hle ich nach der Lekt\u00fcre eines Buches dessen Lieblingsstellen nach.<\/span><\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\">Als Ouvert\u00fcre stand der Theaterdramaturg und Autor Lukas B\u00e4rfuss auf der B\u00fchne. Als Theatermensch Profi f\u00fcr Dramaturgie, als Autor Profi f\u00fcrs Geschichtenerz\u00e4hlen versuchte er einen Blick von aussen auf die Museumswelt. \u201e<em>Die Geschichte beginnt automatisch im Kopf des Besuchers abzulaufen.<\/em>\u201c und: \u201e<em>Es gibt immer einen Autor!<\/em>\u201c. Diese Bez\u00fcge aus dem Theater legte er auch dem Museum an \u2013 und sorgte dabei an mancher Stelle f\u00fcr eine gewisse Irritation: Was, diese alten Rumpelkammern, in denen sich R\u00fcstung an R\u00fcstung reiht, die muffig riechen und in denen Vermittlung ein Fremdwort zu sein scheint, eben die sollen als Szenerie f\u00fcrs Storytelling geeignet sein? Ohne weiterer Inszenierung, mit keiner oder nur geringer Besucherf\u00fchrung? Die Besucher alleine gelassen mit Objekten aus vergangenen Zeiten, in R\u00e4umlichkeiten, die einer anderen Zeit zu entstammen scheinen? Hier beginnt, laut B\u00e4rfuss, das automatische Geschichtenerz\u00e4hlen in den K\u00f6pfen der Besucher von selbst. Objekte werden in Gedanken zusammengestellt, der Raum atmet seine Vergangenheit dazu, d\u00e4mmriges Licht erleichtert den Ausflug in die Vergangenheit. Jeder Besucher ist Autor einer eigenen Erz\u00e4hlung. Und der Autor der Ausstellung? Es gibt doch immer jemanden, der f\u00fcr einzelne Geschichtsstr\u00e4nge, Settings oder Bilder verantwortlich ist, der dem Publikum das Lesefutter inhaltlich oder szenografisch aufbereitet hat und deshalb genannt werden sollte. F\u00fcr den Theatermann gibt es keinen Grund, die eigene Autorschaft hinter der Ausstellung zu verstecken. Zwar ist einem Theaterpublikum die Fiktionalit\u00e4t einer Theaterauff\u00fchrung von Beginn an bewusst, w\u00e4hrend das Museumspublikum h\u00e4ufig noch auf das Serviertkriegen einer einzig richtigen Wahrheit hofft. Doch eben darum t\u00e4te man gut daran, auch die Autorschaften im Museum offenzulegen.<\/span><\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\">Der Hauptteil wurde bestritten einerseits von Kuratorinnen und Kuratoren, die Einblicke gaben in ihre eigene Welt des Storytellings in Ausstellungen. Andererseits kamen Profis aus anderen Sparten zu Wort, die dem Publikum das Erz\u00e4hlen von Geschichten in Werbung, Musik oder GameDesign n\u00e4her brachten. Eine Aneinanderreihung von Positionen und Zitaten m\u00f6chte im Folgenden die Bandbreite der angesprochenen Aspekte nur angereissen.<\/span><\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\"><a href=\"http:\/\/kindermuseum.frankfurt.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das Kindermuseum Frankfurt<\/a> kreiert zum Beispiel Objekt-Environments, in welchen die Sch\u00fcler in verschiedene Rollen schl\u00fcpfen und mit Hilfe von Requisiten zum selber Lernen durch selbst Erleben angeregt werden. Von einer Metaebene aus gesehen, pl\u00e4dierte Angela Janelli, ebenfalls vom <a href=\"http:\/\/www.historisches-museum.frankfurt.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Historischen Museum Frankfurt<\/a>, jedoch daf\u00fcr, auf Storytelling zu verzichten, wenn dadurch das Zu-Erlebende in einer Ausstellung vorgeschrieben wird. Ein Verzicht also auf rekonstruktive Inszenierungen und ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Co-Ecriture durch das Publikum. <\/span><\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\">Das <a href=\"http:\/\/www.nationalmuseum.ch\/d\/schwyz\/index.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Forum Schweizer Geschichte Schwyz<\/a> setzt dagegen auf Dramaturgie in Ausstellungen, um Publikum durch atmosph\u00e4rische Raumbilder und thematische Leitfiguren anzulocken und gleichzeitig eine Vielschichtigkeit zu erreichen, die unterschiedliche Besuchergruppen anspricht. Eine Inszenierung aber, die st\u00e4rker der Narration als der Vermittlung folgt, laufe Gefahr, den musealen Anspruch zu verfehlen. <\/span><\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\">Auch das Vorarlberg Vorarlberg erhofft sich in der Ausstellung <a href=\"http:\/\/www.vorarlbergmuseum.at\/ausstellungen\/roemer-oder-so.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;R\u00f6mer oder so&#8220;<\/a> eine Vielschichtigkeit durch Narrationen \u2013 hier entstehen gelungene Narrationen dann, wenn Erwartungen gebrochen werden und sich eine Erz\u00e4hlung an Hand gesicherter Fakten entwickeln kann. Durch den Einsatz eines fiktiven Elements, in diesem Falle eines Comics, vermeidet das Haus die Vermischung von Geschichte und Geschichten. <\/span><\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\">Und zu guter Letzt die Gastgeber: F\u00fcr das <a href=\"http:\/\/www.stapferhaus.ch\/ausstellung\/ueber-die-ausstellung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stapferhaus<\/a> ist die Narration das R\u00fcckgrat einer gelungenen Ausstellung. Den m\u00fcndigen Besucher im Blick, wird diese jedoch nicht plakativ erz\u00e4hlt, sondern entsteht erst beim Besuch der Ausstellung in den K\u00f6pfen der Besucherinnen.<\/span><\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\">Es liegt wahrscheinlich im Medium Ausstellung mit seinen Aspekten Inhalt \u2013 Raum \u2013 Vermittlung selbst, dass die Themen Narration und Dramaturgie noch mit viel Spielraum angegangen wurden. Folgten die einen st\u00e4rker den Ans\u00e4tzen der Neuen Museologie, also der Frage nach den erz\u00e4hlten Geschichten selbst (Was wird eigentlich erz\u00e4hlt?), fokussierten die anderen st\u00e4rker auf Objekt und Raum (Personalisierung und Auratisierung von Objekten, Inszenierung von Raum) oder auf die Medien, mit Hilfe derer die Geschichten erz\u00e4hlt werden (Comics, Interaktionen). Nicht oder kaum zu Wort kam die Sprache als \u00e4ltestes Medium, mit dem Geschichten erz\u00e4hlt wurden, erst in Form von gesprochenem und dann in Form von geschriebenem Text. Vielleicht, weil das gesprochene oder geschriebene Wort nochmals st\u00e4rker einen Autor impliziert als die Inszenierung von Inhalt im Raum?<\/span><\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\">Ein Intermezzo nahm die Zeit ins Visier, diese unberechenbare Komponente jedes Ausstellungsbesuchs: Ariane Karbe setzt sich in ihrer Promotion mit dem Thema \u201eSpannung in Ausstellungen\u201c auseinander und kommt zu dem Schluss, dass ein linearer Spannungsaufbau, wie er beispielsweise in Filmen eingesetzt wird, in einer Ausstellung scheitern muss, da sich die Besucher einen eigenen Weg durch Zeit und Raum bahnen. Zwar gibt es wie im Film oder auf der B\u00fchne auch beim Museumsbesuch immer einen Anfang und ein Ende, aber das dramaturgische Mittel des \u201e<em>S\u00e4ens und Erntens<\/em>\u201c, das auf einer linearer Rezeption des aufgearbeiteten Stoffes gr\u00fcndet, st\u00f6sst in einer Ausstellung an seine Grenzen. Karbe lehnte sich in ihrem Vortrag an Werner Hanak-Lettners Publikation <a href=\"http:\/\/hsozkult.geschichte.hu-berlin.de\/rezensionen\/2013-1-214\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eDie Ausstellung als Drama. Wie das Museum aus dem Theater entstand\u201c<\/a> an, in der sich dieser explizit die Bewegung des Besuchers durch den Raum anschaut und epische resp. dramatische Qualit\u00e4ten von Ausstellungen analysiert. Karbes stark literaturwissenschaftliche Zugang zum Thema erm\u00f6glichte nochmals ganz neue Interpretationen des bisher Gesagten.<\/span><\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\">Im darauffolgenden interdisziplin\u00e4ren Block ging hin und wieder ein Raunen durchs Publikum: Wie viel leichter haben es doch da die anderen! Die Werbung zum Beispiel: Darf sich einfach grosser Gef\u00fchle bedienen, um die Kundschaft anzusprechen, und muss sich nicht st\u00e4ndig daf\u00fcr rechtfertigen, nicht jeden Aspekt bis ins letzte Detail ber\u00fccksichtigt zu haben. Sie muss ja verkaufen, da darf die Story auch mal \u00fcber das Ziel hinaus schiessen. Ebenfalls die Popmusik \u2013 es wird ja schon fast erwartet, dass grosse Gef\u00fchle geweckt werden. Daf\u00fcr darf die narrative Struktur ruhig etwas einfacher bleiben. Doch schnell wurde offensichtlich: Folgen Text und Musik nicht derselben Dramaturgie, wird die Narration unglaubw\u00fcrdig. Und ganz nah beim Medium Ausstellung war das Publikum pl\u00f6tzlich wieder beim Vortrag von Laura Alisa Sch\u00e4ffer zum Theater-Gamedesign von <a href=\"http:\/\/machinaex.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">machina ex<\/a>. Die Zuschauer durchlaufen das Computerspiel im realen Raum und treffen immer wieder Entscheidungen zum Fortgang der Geschichte. Wie in einer Ausstellung wird hier der Rahmen von einem Kollektiv entwickelt, die Inhalte jedoch erarbeiten sich die Besucher in der Gruppe selbst. <\/span><\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\">Da von den sechs Workshops nur drei besucht werden konnten, sind Interessierte herzlichst eingeladen, zu den Workshops zum Journalismus, zum Film und zu den Shoppingwelten einen Kommentar zu posten.<\/span><\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\">In alter Frische wurden wir am n\u00e4chsten Morgen auf Schloss Lenzburg von dem sehr inspirierenden Vortrag von Hermann Kossmann von <a href=\"http:\/\/www.kossmanndejong.nl\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">kossmann.dejong<\/a> empfangen. \u201e<em>Nat\u00fcrlich braucht es Drama in einer Ausstellung!<\/em>\u201c &#8211; \u201e<em>Eine Ausstellung ist das einzige Medium, in dem es m\u00f6glich ist, viele verschiedene Geschichten in unterschiedlicher Komplexit\u00e4t gleichzeitig zu erz\u00e4hlen und dabei noch jedem Besucher offen zu lassen, sich seine eigene Geschichte rauszuziehen!<\/em>\u201c Was am Tag zuvor noch als unentwirrbares Kn\u00e4uel aus Fragen, Thesen und Ans\u00e4tzen schien, wurde nun ganz einfach zur Lasagne erkl\u00e4rt: Text, Sammlung, Inhalt, Film, Sound, Szenografie, Licht und Geschichten bilden jeweils eine Lage der italienischen Spezialit\u00e4t, doch erst gut durchgebacken, miteinander verwoben und ineinander verschmolzen werden sie zum Gaumenschmaus. Wieso schwierig, wenn&#8217;s auch so einfach zu gehen scheint?!?<\/span><\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\">Wie die darauf folgende Diskussion zeigte, aus einem Grund, der wieder zur\u00fcck in den vorherigen Tag f\u00fchrte: Weil es h\u00e4ufig immer noch schwierig zu sein scheint, die unterschiedlichen Autorschaften und Kompetenzen innerhalb eines Ausstellungsteams gleichberechtigt zusammen zu bringen und ein vielstimmiges Ausstellungsteam eine vielstimmige Ausstellung machen zu lassen. Mit einem Regisseur, der f\u00e4hig ist, die unterschiedlichen Geschichten seines Teams zu einer dichten Erz\u00e4hlung zu verweben. Und zu unterscheiden, zwischen &#8222;the story&#8220; and &#8222;the teller&#8220;.<br><\/span><\/span><\/p>\n\n\n\n<p><strong>In diesem Sinne: Let&#8217;s go for it &#8211; es gibt noch einiges zu tun.<br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Helvetica Neue;\"><span style=\"font-size: small;\">P.S.: Dies waren in aller K\u00fcrze die Lieblingsstellen aus dem Buch, aus dem ich euch erz\u00e4hlen wollte. Aber auch dieses Buch ist nicht (nur) wegen der genannten Stellen lesenswert, sondern ebenso wegen der Rahmenhandlung, dem Bucheinband, den Lesepausen, der Papierdicke, den Illustrationen, dem Gewicht, den Diskussionen dar\u00fcber, der M\u00f6glichkeit, es auszuleihen, dem freien Rand, der sich zum Beschreiben anbietet \u2013 kurz: auf Grund seiner vielen Dimensionen. Ebenso war die Tagung weit mehr als die Auflistung einiger ihrer Positionen \u2013 nochmals ein herzliches Dankesch\u00f6n an das Team vom Stapferhaus f\u00fcr den zur Verf\u00fcgung gestellten Rahmen, die herzliche Bewirtung, die inspirierenden Inputs sowie nat\u00fcrlich die Planung und Organisation der zwei Tage.<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAusstellen heisst, Geschichten im Raum zu erz\u00e4hlen.\u201c So lud das Stapferhaus zur diesj\u00e4hrigen X-Positionen-Tagung mit dem Thema \u201eDramaturgie und Narration in der Ausstellungsarbeit\u201c am 27. und 28. September 2013 nach Lenzburg ein. 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